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Hinter den Spiegeln

* Eine Geschichte von BeautifulExperience *


Für Tanja, ohne die ich New York niemals entdeckt hätte!



Wenn ich den marmornen Fußboden, die Weiträumigkeit der Eingangshalle und den riesigen Kristallleuchter betrachte, kann ich kaum glauben, wie schäbig die Zimmer im Vergleich dazu wirken. Im Grunde ja eine clevere Geschäftsidee: die Lobby mit allem Prunk wie ein Märchenland auszustatten, um geschickt davon abzulenken, was hinter den Spiegeln verborgen ist. David Lynch’s Version von „Alice im Wunderland“.
Aber ich will nicht jammern: schließlich ist das Pennsylvania zentral gelegen, direkt gegenüber vom Madison Square Garden und nicht weit vom Times Square entfernt, einen Katzensprung vom Empire State und Flat Iron Building.
Ich bin das erste Mal in New York, und heute reise ich ab. Mein Shuttle muss jeden Moment kommen, und ich sitze buchstäblich auf gepackten Koffern. Es ist kurz nach elf, und in der Lobby herrscht das gleiche Gewimmel von Menschen wie an jedem Vormittag, an jedem Tag, den ich hier erlebt habe. Still dazusitzen und den Strom an sich vorübergleiten zu lassen, einfach nur zu beobachten – das hat etwas ungemein Beruhigendes: man klinkt sich aus, ist nicht mehr Teil des hektischen Gewusels.
Ich schaue in die riesigen Spiegel und bewundere den illusorischen Effekt, der die Lobby in ihrer Weiträumigkeit verdoppelt. Schon raffiniert, auf diese Weise Größe vorzutäuschen! Ich betrachte die Menschen in den Spiegeln und frage mich, ob die Spiegelbilder die gleiche Lebendigkeit besitzen wie ihre realen Gegenüber. Ich ertappe mich dabei, wie ich die Hand nach den Spiegeln ausstrecke.
Das ist mir nicht peinlich. Es muss mir nicht peinlich sein, denn niemand kümmert sich um mich. Um in Manhattan aufzufallen, musst du dir mehr einfallen lassen. Ich erinnere mich an den Typ mit den Engelsflügeln, den ich in der 23rd nahe dem Madison Square Park gesehen habe. Er hatte schulterlange blonde Haare, verblüffende Ähnlichkeit mit Kurt Cobain und sah aus wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Doch niemand schaute genauer hin, niemand drehte sich nach ihm um. Alle gingen weiter und bewegten sich durcheinander wie in einem gigantischen...
Es beunruhigt mich, dass die Spiegel auch das Gewimmel der Menschen verdoppeln, und jetzt fühle ich mich nicht mehr wohl. Ich sehe auf die Uhr. Der Shuttle ist seit zehn Minuten überfällig.

Das Stimmengewirr in der Halle macht mich nervös, und wenn es ginge, würde ich am liebsten auf dem Zimmer warten...
Der Spiegel war mir gleich aufgefallen. Er hatte zuviel Abstand zur Wand, und der schmale dunkle Spalt zwischen Wand und Spiegel gefiel mir einfach nicht.
Immer, wenn er mir auffiel, musste ich an die Augenblicke denken, in denen ich mich rasierte, mein Haar gelte, während alles Mögliche hinter dem Spiegel sein konnte. Ich stand vom Bett auf und berührte ihn vorsichtig an den Seiten, drückte ihn leicht gegen die Wand, um die gelockerte Halterung an der oberen Seite befestigen zu können. Als die untere Halterung nachgab, rutschte er mir durch die Finger und mir stockte der Atem. Mit einem Reflex konnte ich ihn auf halbem Weg zum Boden halten, doch aus dem Augenwinkel nahm ich die irrsinnig schnell krabbelnden Insekten wahr, die eine neue Zuflucht suchten. Ich schrie, und mir wurde mit einem Mal schlecht.

Der fette Typ im dunkelblauen Anzug riecht ekelerregend nach Schweiß, und als er in Richtung der Telefone geht, wende ich mich ab, um ihn nicht zu lange riechen und auf keinen Fall länger wahrnehmen zu müssen. Das war etwas, was mich am meisten gestört hat in New York im Juli: diese siedende, erdrückende Hitze in den Häuserschluchten, die dich schwitzen lässt wie ein Schwein und dir deine Klamotten wie eine zweite Haut an den Körper schweißt.
Wenn du die Augen schließt und es dir in deiner Vorstellung gelingt, den Verkehrslärm auszublenden, ist es das gleiche Gefühl wie in einer Sauna – nur, dass du dabei Klamotten an hast und dich durch eine chaotisch pulsierende Menge bewegst. Gehst du dann in eines der vielen Kaufhäuser, versetzt dir die Kälte der Klimaanlage jedes mal einen kleinen Schock, sobald du den Eingang passierst, und ich glaube, es ist das gleiche Gefühl, als würdest du einen Spiegel durchschreiten.

Ich sehe mich selbst auf mich zu gehen, und der Ausdruck meiner Augen ist leer – als würde ich schlafwandeln. Aber ich träume nicht, denn ich kann mich sehen; ich komme mir näher. Ich kann den Blick nicht von meinen Augen abwenden, und obwohl ich stehen bleiben will, kann ich es nicht. Meine Beine bewegen sich wie von selbst, und als ich damit rechne, mit der harten Substanz des Spiegels zu kollidieren und instinktiv die Augen schließe (ich höre das immer lauter kreischende Nein-Nein-Nein in meinem Verstand..), tauche ich ein wie in kaltes Wasser. Ich kann nicht mehr atmen, und als ich die Augen öffne, sehe ich mein erwachendes Spiegelbild. Der Blick ist erstaunt, nimmt aber schnell den Ausdruck grenzenloser Erleichterung an, und während ich langsam ersticke, sieht mein Gegenüber mich nicht mehr länger an und geht schneller werdend auf die Drehtür am Eingang zu. Ich kann mich keinen Millimeter von der Stelle bewegen, und als ich mit aller mir verbliebenen Kraft die Augen schließen will, reißen meine Lider.

Mein Puls jagt, und ich hoffe, dass ich diesen Traum irgendwann vergesse. Ich will an etwas anderes denken, doch es gelingt mir nicht. Ich vermeide es, in die Spiegel zu schauen. Niemand kann mich zwingen, in die Spiegel zu schauen. Ich sehe doch hin, und der Anblick meiner tränenverschleierten Augen (oder ist es das Wasser?) entsetzt mich. Ich muss ruhig bleiben, ruhig bleiben! Der Shuttle wird jeden Moment kommen, dann werde ich diese beschissene Stadt hinter mir lassen.
Der Verkehr ist die Hölle in New York, der Dreck, der ohrenbetäubende Lärm!
Als ich auf der Grand Army Plaza zwischen Central Park und der Fifth Avenue am Brunnen sitze, kann ich die schwarzen Rußpartikel auf der Haut meiner Unterarme sehen.
Wie kann man hier leben? Wie kann man hier atmen?
Ich sehe die Leute neben mir am Brunnenrand sitzen, und keinem ist es bewusst. Ein roter Sightseeing-Bus der „New York Apple Tours“ fährt vorbei, und ich denke an die lauthals schreienden schwarzen Werber am Times Square. Wenn ich einen Granatwerfer hätte, würde ich den Bus in der rechten Seite treffen, und der Feuerball würde Glasscherben und Knochensplitter zwischen den Wolkenkratzern verteilen.

Den ekelerregenden Schweißgeruch nehme ich wahr, bevor ich aus dem Augenwinkel den fetten Typ im dunkelblauen Anzug sehe. Er geht langsam und schwer atmend in Richtung der Telefone, und sein Anblick ekelt mich so an, dass ich mich abwende. Jenseits der Drehtür am Eingang sehe ich ein Yellow Cab nach dem anderen vorbeifahren. Das Gewimmel der Menschen in der Halle ist Übelkeit erregend. Ich sehe auf die Uhr. Der Shuttle ist seit zehn Minuten überfällig. Das Stimmengewirr in der Halle macht mich nervös, und wenn es ginge, würde ich am liebsten auf dem Zimmer warten.
Wenn ich den marmornen Fußboden, die Weiträumigkeit der Eingangshalle und den riesigen Kristallleuchter betrachte, kann ich kaum glauben, wie schäbig die Zimmer im Vergleich dazu wirken. Im Grunde ja eine clevere Geschäftsidee: die Lobby mit allem Prunk wie ein Märchenland auszustatten, um geschickt davon abzulenken, was hinter den Spiegeln verborgen ist. David Lynch’s Version von „Alice im Wunderland“...
3.5.05 07:58
 




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